Der bedeutendste Weimarer seit Geh. Rath v. Goethe
Bereits im Oktober hat Kani die Augen für immer zugemacht. Bis sich das in die Dörfer rumspricht dauert es immer eine Weile. Nun hat die traurige Nachricht auch mich erreicht.
Kani Kanhold war eine Legende des Rock n Roll. Die Nachrufe auf ihn triefen vor Korrektheit, aber korrekt war Kani in seinen besten Jahren nie, eher ein bißchen reaktionär.
Erst kurz vor dem Zusammenbruch hat er sich mit den Mächtigen arrangiert, und vor allem danach, weil die Bedingungen im Musikbetrieb mehr Anpassung erforderten. Ich seh ihm das nach, es war eben so.
Ich lernte ihn in den frühen Siebzigern im Koka kennen, das bis kurz davor das Konzertkaffee mit Geigenmusik gewesen war, und nach einer sog. „Modernisierung“ zu einem Ausschank wurde, wo sich besonders im Obergeschoß der Abschaum des Weimarer Universums traf. Kani und David Bornschein waren zu der Zeit Kulissenschieber im Theater. In den Zwischenzeiten ihrer Einsätze rannten sie ins Koka um ein Bier zu zischen und dann rannten sie zurück ins Theater, um den nächsten Akt zu ermöglichen.
David konnte Gitarre hinter dem Kopf spielen, was ich sehr bewundert habe. Kani hat sich irgendwie aus dem Westen ein Outfit mit Stiefeln, Lederhose und glitzernder Fransenjacke besorgt und war entgegen den Elogen in den Systemmedien mit seiner Gitarre vor allem Alleinmusikant. Wenn er loslegte bebte das Untergeschoß des Studentenlokals Schütze. Bei jedem seiner Auftritte lüpfte er eine Flasche Schnaps, er schwitze wie ein Schwein und machte unendlich Stimmung. Wenn er Pause machen wollte, schrie das Publikum „Kani, Kani, Kani!“, bis er noch eine Nummer spielte.
Das Fußballländerspiel Zone gegen Deutschland fand im Rahmen der Vorrunde der Fußball-Weltmeisterschaft am 22. Juni 1974 statt. in der Schütze war ein Fernseher aufgebaut und der Raum war gerammelte voll. Unter den Zuschauern auch Kani, der unbedingt sehen wollte, wie die Zone sang- und klanglos untergeht. Er war vollkomen zerstört, als J. Sparwasser das Siegtor geschossen hatte,
Mitte der achtziger Jahre bin ich ins Landgebiet verzogen und habe Kani viele Jahre aus den Augen verloren. Vor drei Jahren hatte ich ihn an einem Ort, den ich wegen der grünen Stasi mal lieber nicht nennen will, wieder getroffen. Seine Frau paßte seit Jahren auf ihn auf, er war gesundheitlich etwas angeschlagen, aber hatte ansonsten noch die alte Frische. Schöne Erinnerungen an die alten Zeiten, die noch richtig wild waren. Wenn man die 80 ansteuert, werden die Weggefährten knapp, die sich noch an alles erinnern können.
Ich bin recht optimistisch, daß Kani das Himmelstor geschafft hat und jetzt auf uns herabblickt.
Opa mit Enkel. Na immerhin isser ungefärbt.
war…
Tja, so ist das. Kani sieht so aus, als wenn er ein glückliches Leben hatte. Wenn ich mich nicht täusche, spielen die eine Nummer von ZZ Top. Von denen ist ja auch schon einer weg. Aber mein Lieblingsgitarrist Eric Clapton lebt noch, wurde vor ein paar Tagen 80.
Wußte ich bisher auch nicht – danke für die Info.
Allerdings war wir aufgefallen, dass ich ihn seit geraumer Zeit in WE nicht mehr gesehen habe, wenn es mich des öfteren dahin verschlagen hat. Kani gehörte – immer im schicken, auffälligen Outfit – zusammen mit seiner ebenso schick gekleideten Frau zum Stadtbild.
Immer für einen Skandal oder Skandälchen gut in der Zone-Zeit. Ich erinnere mich, dass es mehrmals hieß, Kani sei wieder einmal weg von der Bühne. Aber er kam immer wieder.
Ein Weimarer Original – seit vielen Jahren das letzte, was diesen Namen verdient.
In den 70ern, 80ern bis hinein in die 90er gab es etliche davon – stadtbekannt und legendär durch die unterschiedlichsten Auffälligkeiten – der Wirt vom „Goldenen Stern“, die Inhaberin vom „An- und Verkauf“ am Frauenplan, Ringo von Bayon fallen mir da z.B. ein.
Erinnern Sie sich noch an das alte Mütterchen, das auf wackeligen Füßen zwischen Graben und Goetheplatz aus ihrem Faltbeutel verschrumpelte Äpfel anbot mit den legendären Worten: „Ich hab‘ da mal ’ne Frage“ ?
Oder die Olle, die in der Schwanseestraße im Haus neben dem Bogen zur Weimarhalle die Passanten aus dem Fenster im 1. Stock laut und schrill vollnölte und immer mal wieder mit Schüsseln voller Wasser begoss?
Heute ist das wie überall alles aalglatt und scheinheilig ruhig.
Mir fällt gerade nichts ein, was man in 40 – 50 Jahren über schrullige Leute von heute erzählen könnte, weil es die nicht mehr gibt – so, wie es kaum noch Dorf- und Stadtkneipen gibt, stets ein Ort zum Austausch von klaren und kritischen Worten zum kleinen Preis für dünnes Bier in einer verräucherten Gaststube.
Die „Olle“ hat doch sicher nicht ihre Gaben über Parteisekretären ausgeleert, oder? Allerdings wurde auch der Bruder von Ernst Jünger – über seiner dann volkseigenen Apotheke wohnend – nicht belästigt.